Webcam, Bahnhof Laufen
06.30 Uhr. Im Dämmerlicht brummen sechs Postautos heran, dottergelb und vollbeladen. Sie bringen die Menschen aus den Dörfern an die Bahnlinie, die zur Stadt hinführt. Die Motoren knurren. Ein leises Zischeln der Türen. Schon strömen die Menschen aus den Postautos heraus und treiben dicht an dicht dem Perron zu ins Neonlicht. An den drei Blechkästen stockt die Bewegung. Eine Hand nach der anderen greift sich die Pendlerzeitung 20 Minuten. Mal schnappt eine linke Hand mit Goldring zu, mal krallen sich buntlackierte Nägel ins Papier. Meist jedoch langt die rechte Hand hin. Jene mit einer Schramme auf dem Rücken faltet die Seiten in einer einzigen raschen Drehung um den Daumen und schiebt die Zeitung unter die linke Achsel im zugeknöpften hirschbraunen Regenmantel. Der Stapel im blauen Kasten verringert sich rasch, während die anderen beiden Blätter unberührt im Blech liegen bleiben. Alles geht zügig voran, bis schwarze Wollhandschuhe über die Nachrichten rutschen und das Papier nicht richtig zu fassen bekommen. Da tritt ein Teenager in Schlabber-Jeans und Nike-Mütze von der Seite heran. Er nimmt zwei Zeitungen aus dem Kasten und reicht der Frau mit den Wollhandschuhen ein Exemplar. Sie lächelt. »Vielen Dank, junger Mann.« Er lächelt zurück und hebt kurz die Schultern. »Kein Problem.« Der Teenager rollt seine Zeitung zusammen, steckt die Röhre in die rechte Gesässtasche, schaut zur Bahnhofsuhr hinauf, schlängelt sich dann forschen Schrittes durch die Menge und verschwindet im Kiosk. Aus dem Schatten neben dem Kiosk tritt plötzlich ein Mann mit langen blonden Locken und Spitzbart. Er stellt sich mitten in den Strom der Pendler, stemmt die Arme in die Hüften und schüttelt den Kopf. »Aha! Die reaktionären Kapitalisten sind wieder unterwegs! Geld scheffeln, Geld scheffeln. Bringt doch nichts, nichts, nichts«, blafft er die Leute lauthals an. Der Mann im hirschbraunen Regenmantel dreht sich zu dem Blonden um. Er zieht die Stirn kraus, presst die Lippen aufeinander und vertieft sich wieder in die Zeitung. Er schnaubt. Zwei Mädchen in Parkas stecken die Köpfe zusammen. »Nein, der schon wieder. Hat gestern auch hier rumgesülzt. Komm wir gehen ganz nach hinten«, sagt das eine Mädchen mit dem weissen Schal. »Easy Tess, der Horni ist doch harmlos. Einfach nicht beachten. Der Zug kommt ja gleich«, sagt das andere Mädchen und tippt auf dem Handy herum. Sie bleiben stehen, warten. Etwas näher am Gleis raucht ein Mann in knappen Zügen eine Zigarette. Er steht wie angewurzelt da und schlenkert eine Plastiktüte. Unter der zu kurzen Stoffhose lugen hellgraue Wollsocken hervor. Dann lehnt er zur Seite und blickt in die Finsternis nach dem Zug. Er raucht schneller. Ein Gong hallt durch den Bahnhof. In dem Moment stürmt der Teenager aus dem Kiosk, in der Hand den weissen Becher. Kaffee schwappt über und besudelt die Schlabber-Jeans. Der Teenager flucht. »Achtung. Eine Verspätungsmeldung. Der ICN nach Basel, planmässige Abfahrt sechs Uhr fünfunddreissig, erhält eine Abgangsverspätung von zirka zehn Minuten.« 06.37 Uhr.
© 2008, Roger Jud