Und weg war er

Hermann Pfifferling ist ... war ein passionierter Weidmann. Der rechtschaffene Beamte im Ruhestand folgte seiner Leidenschaft eifrig und saß stets die ganze Saison über auf seinem Jagdsitz – die doppelläufige Flinte im Anschlag, das ahnungslose Wild im Visier und Waldi, der ergraute Rauhaardackel, zu seinen Füßen. Nur hier im Wald fühlte sich Pfifferling in seinem Element. Zwischen Föhren lauerte er auf sein Opfer, fällte das tödliche Urteil und vollstreckte. Allerdings mit sehr bescheidenem Erfolg. Dazu gehörten Baumstumpfe und Wurzelstöcke sowie ein Ameisenhaufen. Nun ja, die Sehkraft ließ bei Hermann Pfifferling allmählich nach und auch die Hüfte war nicht mehr so in Schuss wie in jungen Tagen. Hingegen war er ein Meister der Tarnung. Ein Jagdgenosse behauptete gar, Pfifferling mache seinem Namen alle Ehre und verwandle sich durch eine mysteriöse Metamorphose in einen Pilz. Wie dem auch sei, Pfifferling bildete sich auf dieses Kompliment nichts ein. Er pflügte in seinem Allrad-Monster einfach gern durchs Dickicht, lehnte an einen mächtigen Stamm und wartete. So auch im verhängnisvollen Winter letzten Jahres.
Wie üblich ging Hermann Pfifferling als Erster der Jagdgesellschaft auf die Pirsch. Es war ein kalter Morgen. Schnee knirschte unter seinen Schuhen und ein eisiger Wind schnitt ihm ins Gesicht. Seit gut vier Stunden hockte Pfifferling auf seinem Sitz und nichts, rein gar nichts passierte. Die Glieder beinahe steif gefroren, starrte Pfifferling in die Büsche. Einen Augenschlag später schraubte er mit klammen Fingern seine Thermosflasche auf und der goldene Tee plätscherte in den Becher. Kaum war die Kanne verstaut, zauberte Pfifferling ein besonderes Gefäß aus der Brusttasche. Verstohlen blickte der Jäger nach links, horchte, hielt den Atem an, guckte nach rechts und dann erneut nach links. Stille. Rein wie Wasser floss ein kräftiger Schluck in den Teebecher. Beinahe im selben Moment verschwand der Flachmann wieder. Waldi hob müde den Kopf, als Pfifferling ihm zuprostete. »Zum Wohl sein, Waldi.« Er setzte den Becher an die Lippen und schüttete das Gebräu in den Hals. »Ahhh. Das wärmt und schärft die Augen, Waldi. Gutes altes Zielwasser.«
Nach einer Stunde raschelte etwas im Unterholz. Der Jäger schreckte aus seinen glorreichen Träumen auf, schaute verdutzt um sich und griff nach seiner Flinte, die geladen und gesichert am Baum lehnte. Ein Keiler raste über den Waldboden. Die Flinte fiel in den Schnee. Pfifferling fluchte. Waldi krächzte – mehr lag bei dieser Kälte nicht drin. Der Keiler jagte davon.
Kurze Zeit später knackte wieder etwas im Gebüsch. Aber diesmal war Pfifferling auf der Hut. Er nahm die Flinte in den Anschlag und zielte. »Such, Waldi. Such!« Der Dackel rappelte sich widerwillig hoch, stolperte über die eigenen Pfoten und entschwand mit einem Furzer im Gestrüpp. Pfifferling schüttelte den Kopf, liess sein Ziel jedoch nie aus den Augen. Endlich bewegte sich das Unterholz. »Das muss eine mordsmässige Wildsau sein«, dachte Pfifferling. Er sah sich schon inmitten seiner Genossen, die ihm anerkennend auf die Schulter klopften und fast ein wenig neidisch die Hand schüttelten. Äste brachen. Ein dumpfes Knurren und Schnauben füllte Pfifferling die Ohren. Sein Blut geriet in Wallung. Und Schuss. Ein kleiner grauer Pelz flog durch die Luft. »Waldi!«

Von diesem Tage an durfte Hermann Pfifferling nie mehr in den Wald.

© 2004, Roger Jud

(Veröffentlicht im Sammelband »Köstliche Halbwahrheiten«)
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