Ich habe Ötzi erschossen

Behaglich räkle ich mich auf dem Sofa, nippe an meinem Kaffee, schiebe mir hin und wieder ein Stück St. Galler Klosterkuchen ein und blättere friedlich in der Zeit. Plötzlich erwischt es mich eiskalt. Ich bebe, ich zittere, es fühlt sich an, als ob ein Jumbojet durch meinen Körper rast. Dann plötzlich Stille, beklemmende Stille. Die Augen flackern, das Herz pulsiert im Hals und die armen Lungen schuften auf Hochtouren. Mir ist kalt. Ich rieche schlecht. Und ich habe meine Sprache verloren. Grunzlaute entweichen meiner Kehle. Doch der riesige Kerl vor mir, in echt protzige Felle gehüllt, scheint mich zu verstehen. Aber ihm missfällt wohl, wie ich ihn anbrabble. Er haut mir einfach eine runter. Ich fliege quer durch die Hütte und pralle gegen die Feuerstelle, in der klitzekleine Flämmchen kaum für Wärme sorgen. Mein abgetragener Fellmantel knistert. Rasch klopfe ich die Glut ab. Um mich herum bestürzt glotzende Gesichter. Keiner tut was. Und da saust auch schon die nächste Faust heran und trifft mich am Kinn. Knochen knirschen. Jetzt reichts! Er lässt nicht von mir ab und bezichtigt mich, der Urheber einer Verschwörung gegen seine Person zu sein. Komisch, ich verstehe was er schreit, kann mir aber keinen Reim darauf machen. Wir sind doch in der selben Gruppe. Wir vertreten die rechten Ansichten des althergebrachten Patriarchats und bekämpfen Neuerungen der Volksstruktur. Fremde verjagen wir sowieso. Die Schläge strecken mich zu Boden. Er verschwindet wie ein Räuber in der Nacht. Mühsam suche ich meine Gebeine zusammen, rappele mich auf und schnappe mir Pfeil und Bogen von der Wand, folge seinen Spuren und erschieße ihn. Ich musste ihn opfern, um die Gruppe zu retten. Ich tat, was seiner Zeit die andere Bande mit einer Frau machte. Nur, ich ließ meinen Pfeil verschwinden, der mich als Königsmörder verraten hätte. Der Jumbojet dröhnt wieder in meinen Ohren. Allmählich verzieht sich der Rauch und ich sehe wieder klar. Das Sofa, der Kuchen ... ich bin zurück. Was so ein Zeitungsartikel alles auslösen kann. Ein Alptraum.

© 2007, Roger Jud
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