Der Fliegenkiller
Unter dem Fenster der Mansarde saß Benedikt Mahler gebückt an seinem Schreibtisch und hackte eine Schlacht in den Laptop. Die Augen starr auf den Bildschirm geheftet, das Kinn energisch vorgeschoben, trommelten die Finger auf die Tastatur.
»Ich mach sie alle fertig, alle«, schrie er und tippte wütend weiter, mordete, zerquetschte, verstümmelte und schlug sie mit eigener Hand tot. Er machte keine Gefangenen. Kein Mistviech durfte überleben, keines.
Benedikt Mahler hasste Fliegen. Sie surrten in der Mansarde herum, trippelten genüsslich über seine Honigschnitte, nachdem Benedikt Mahler sie knapp zehn Minuten zuvor in Hundescheisse hocken gesehen hatte, krabbelten ihm im Schlaf übers Gesicht und putzten sich ungestört die Flügel, während sie mitten auf dem Bildschirm klebten.
Gerade in einem solchen Augenblick hatte Benedikt Mahler den Zweiflüglern den Krieg erklärt. Er hatte das neue Rezept seines achten Kochbuchs gelöscht, die bis anhin seinen Lebensunterhalt finanzierten, und war nun im Begriff die schwarzen Biester in einem Essay ein für allemal zu vernichten.
Er duckte sich. Geduldig harte Benedikt Mahler aus, bewaffnete sich mit einem Tuch, das er zu einer Peitsche zwirbelte und den Zipfel nässte. Scharf beobachtete er die Fliegen. Zack! Schon der erste Hieb erledigte drei Viecher; zwei zappelten auf dem Rücken. Benedikt Mahler grinste, als die Insekten in wilder Panik aufstoben. Die beiden angeschlagenen Fliegen pickte er triumphierend auf, sah sich die ersten Verwundeten genau an und zerdrückte sie schließlich zwischen Zeigefinger und Daumen. In einem bescheidenen Knacken sprengten die Leiber auf. Bloß schwarzer Matsch blieb übrig. Rasch wusch sich Benedikt Mahler die Hände und Ekel stieg in ihm hoch. Doch der Kampf ging weiter. Benedikt Mahler hatte Blut geleckt. Und in seinen Augen loderte die reinste Mordlust.
»Ich rotte die grässliche Brut aus. Ich korrigiere den Irrtum der Schöpfung.« Benedikt Mahler spannte die Brust. »Ich bin Gott!«
Kurz nach dem ersten Massaker, das Hunderttausenden von Stubenfliegen das Leben gekostet hatte, begann sich Benedikt Mahler zu langweilen. Die Endlösung befriedigte nicht mehr. Er sehnte sich nach Abwechslung und machte Gefangene. Jetzt wechselte Benedikt Mahler ins Fach des Henkers im weißen Kittel der Wissenschaft. Mal grillierte er Kriegsgefangene über der Kerze, mal riss er Flügel aus oder in Variation dazu die Beine, spießte sie auf Nadel und säbelte Köpfe ab.
Auf einmal verstummte das Surren in der Mansarde. Die Fliegen schwärmten auf, sammelten sich draußen an der Hecke und sandten Boten in alle Himmelsrichtungen aus. Sie warteten. Benedikt Mahler kniff die Augen zusammen und spitzte den Mund, während er auf den Bildschirm schaute.
»Was tun sie da?«
Ein schwarzer Teppich wellte heran. Er schien endlos. Zu spät erkannte Benedikt Mahler den Schwarm und damit die tödliche Attacke. Millionen und Abermillionen Fliegen belagerten die Mauer, berieten sich im Sicherheitsrat, disputierten, klagten an und urteilten. Im nächsten Moment stürmten die Fliegen die Mansarde. Eine gewaltige Heerschar schwarzer Leiber strömte durch die Ritzen und fiel über den Feind her. Sie kamen von allen Seiten, überrannten Verteidigungslinien, schossen Benedikt Mahler in Nase und Ohren, eroberten die Zunge und krochen ihm den Hals hinab. Er erstickte beinahe. Für einen Schrei blieb längst keine Zeit mehr. Die Flut aus Fliegen füllte seinen Mund. Und noch immer strömen Insekten hinein. Seine Augen zuckten, aber die Fliegen krabbelten weiterhin auf der Iris herum. Benedikt Mahler schlug wild um sich. Es nützte nichts. Die Fliegen waren überall. Das Letzte was Benedikt Mahler dachte, war, sie sind auf dem Weg zum Gehirn ...
© 2008, Roger Jud