Der Frosch
War schon ein eigenartiges Gefühl, so mitten auf einer piekfeinen Stoffserviette zu sitzen und mich anstarren zu lassen. Die Augen der Frau, ja eigentlich ihr ganzes Gesicht zeigte deutliches Unbehagen. Sie dachte wohl, ich sei ein Symbol für abgrundtiefe Bosheit, ein kleiner Giftzwerg. Gut, ich sah in dem Weiß vielleicht etwas erschreckend aus. Mein feuerroter Rücken samt schwarzen Streifen verhieß so einiges. Aber ich war nur ein einfacher Baumfrosch aus Plastik. Und bin es geblieben. Die andere Frau mit der aufgesetzten Freundlichkeit hatte mich nämlich aus dem Regal der Spielwarenabteilung auf die teure Serviette gebettet.
Noch seltsamer war die Stille bei Tisch. Niemand sprach. Aber ich sah wie Blicke wanderten. Von der einen Frau zur anderen sprühten beinahe Funken. Zwischen dem Mann und der Frau vor mir lag eine verborgene Nähe, die der anderen Frau anscheinend mehr als nur missfiel. Nach den Blicken folgten doch noch Worte. Zaghaft. Steif. Künstlich. Ich verstand zwar nicht viel, aber allein der Tonfall sprach Bände. Und da waren noch die Klimmzüge in den angespannten Gesichtern. Ein kaltes Lächeln hier, ein verlegener Augenschlag dort. Mich fröstelte die Umgebung. Obwohl ich nie in einer so vornehmen Gegend hockte, blieb ich ganz ruhig. Ich traute fast nicht zu atmen. Ich wünschte mich zurück ins Regal, eingekeilt zwischen Nashörnern, Schlangen, Giraffen und Affen. Immer noch besser, als hier auf der blöden weißgestärkten Serviette zu sitzen und auf den ersten Schlagabtausch zu warten.
Schließlich roch ich die Suppe heranschweben. Die Frau vor mir hob mich mit zwei Fingern aus dem Teller. Endlich. Sie setzte mich so hin, dass ich nun mein Spiegelbild in der Terrine ausgiebig bewundern konnte. Als ich jeden Farbklecks, jede Schramme an mir erforscht hatte, flog ich in einen tiefen samtenen Schlund. Alles schwarz.
Heute hocke ich auf einem anderen Tisch, leicht erhöht. Und die Frau von damals lächelt mir zu.
© 2008, Roger Jud