Chaos im Brauchtum

Es geschah am Vorabend zur Weltklimakonferenz auf Bali, genauer, am ersten Advent. Wie jeden Sonntag lief ich ganz in Gedanken versunken durch das Schwarzbubenland. Schliesslich bin ich ein Schwarzbube und manchmal ein Irrläufer. Nun ja, jedenfalls an diesem ersten Advent des Jahres 2007. Ich trabte also friedlich im Wald herum, als sich der Trampelpfad plötzlich im Dickicht auflöste. Etwas fluchend schaute ich mich um. Nichts als Bäume. Aber nirgends ein Weg, nicht mal die Spur davon. Und da ich ein absoluter Oberhirsch in Sachen Orientierungssinn bin, blieb mir keine andere Wahl. Ich pfiff ganz leise die Melodie zu »Ein Männchen steht im Walde« vor mich hin und stolperte in der Gegend herum. Nach einer Weile scheuchten mich Stimmen aus meinen Hirngespinsten. Und dann sah ich es auch. Ein Feuer schimmerte durchs Gehölz. Rettung. Endlich. Müde schleppte ich mich auf das Feuer zu, als ich gegen einen Schlitten prallte. Ein Geruch aus ranzigem Fell und Dung brannte in meiner Nase, ein gefährliches Schnauben füllte mir die Ohren. Ich drehte den Kopf und blickte einem Rentier direkt ins Gesicht. Ich blieb wie angewurzelt stehen, bewegte nur die Augen – vom Rentier zum Feuer und zurück. Das Tier war noch da. Es blähte die Nüstern und seine heisse Atemwolke hüllte mich ein. Igitt! Ich taumelte weg von dem Tier. An einer Föhre kauerte ich nieder, schielte vorsichtig zum Feuer hin. Da hockten sie, unbequem auf der nassen Erde und stierten in die Flammen. Ich erkannte die Gilde sofort.
»Mein Kopf ist knallvoll. Und ich weiß nicht mehr, wann ich eigentlich dran bin. Die Jahreszeiten verlieren ihre Bedeutung im Klimawandel. Das Brauchtum versinkt im Chaos. Keiner hat mehr den Durchblick.« – »Lieber Böögg, mir geht es genauso. Ich habe tausende und abertausende mehr oder weniger sinnvolle Geschenke bei mir und verliere allmählich das Zeitgefühl für die Bescherung.« – »Ho, ho, ho! Du bist immer nach mir an der Reihe, Christkind. Wenn es kalt und frostig wird und Frau Holle die Decken ausschüttelt.« – »He Chef, wir schwitzen doch seit Jahren im Schlitten. Und Frau Holle ist pensioniert. Die haben jetzt Schneekanonen.« – »Der Schmutzli hat Recht. Ich habe mir letzthin an einem solchen Ungetüm mein Kleid zerrissen. Jetzt komme ich sicher zu spät. Muss mich noch umziehen.« – »Nur mit der Ruhe, Frau Fasnacht. Ihnen bleibt genügend Zeit. Zudem haben wir Ihnen ein neues Kostüm mitgebracht.« – »Natürlich, die drei Könige wieder. Stehen viel zu früh auf der Matte und liefern an die falsche Adresse. Möchte jemand ein buntes Ei?« – »Sehr gütig, Herr Osterhase, aber mein Cholesterin. Ich glaube, unsere Zeit läuft ab. Wenn die Menschen das mit dem Klima nicht endlich in den Griff bekommen, sollte sich ein jeder von uns einen neuen Job suchen. Was bringen da noch die Plauderstunden auf Bali?«, sagte die Martinsgans. Ich schlich davon.

© 2007, Roger Jud
Webdesign by Spatium 37.Vreni Kim
Webpublishing by WPMS – Webpublishing Martin Schindelholz
Photos by Starportrait – Fotograf Patrik Hänggi