Am Strand

Frühling. Draußen scheint die Sonne. Möwen kreischen. Am blauen Himmel ziehen kuschelige Wattebäusche dahin. Wie kitschig. Ich schließe das Fenster und reibe mir die Augen rot. Die Nase läuft, der Gaumen kitzelt. Heuschnupfen. Da zwinkert mir der Cursor auf dem stechend weißen Bildschirm entgegen. Ich klappe das Notebook zu, lasse die Leere hinter mir. Unten an der Garderobe hängt noch der alte Mantel vom letzten Winter, schwer und dunkel. Ich beachte ihn kaum, rolle die Hemdsärmel auf die Handrücken runter und entwische durch die Hintertür zum Strand hinab. Ich nehme heute meinen geheimen Weg, den unbewohnten Weg über die störrisch bewachsenen Dünen, rauf und runter. Der Wind streichelt mir das Haar. Die Sonne wärmt meinen Rücken. Im Blick nur noch der Küstensaum, faltenlos aufgefächert und hell schimmernd im Licht. Ebbe. Endloser Horizont in weiter Ferne. Nichts als Sand. Kein Mensch zu sehen, kein Hund. Ich ziehe Schuhe und Strümpfe aus. Sandkörner rieseln mir durch die Finger, rasend schnell. Die Zeit rinnt genauso rasch. Wie lange wartet wohl die Geschichte auf Jürgen K.? Seine Abgründe liegen auf dem Schreibtisch, über Monate fein säuberlich zusammengetragen und in königsblauer Tinte auf unzähligen Briefbögen festgehalten. Eine wahre Tragödie, ergreifend und abscheulich zugleich. Aber, wen interessiert das Schicksal des Jürgen K.? Sind die Aufzeichnungen auch wirklich lückenlos? Bin ich überhaupt der richtige Mann für diese unbeschreibliche Angelegenheit? Später. Es ist Frühling, und der Strand gehört mir heute ganz alleine. Ich breite die Arme aus, stelle mich auf die Zehenspitzen und lasse los. Schuhe und Strümpfe fallen. Ich lache wie blöd, tanze um die eigene Achse und renne auf einmal los, ins Meer hinein. Das Wasser platscht an mir hoch, spritzt mir ins Gesicht. Ich falle nicht. Stampfe in den unerschöpflichen Ozean, schneide die Wellen und schließe die Augen, treibe davon, weit weg. Allerdings nur kurz. Im nächsten Moment bleibe ich wie paralysiert stehen. Die See leckt über meine Hüften und verschlingt die Beine. Ich kehre um. Zurück ins Haus, zurück in Sicherheit.

© 2008, Roger Jud
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